Was bleibt aus Myanmar? Schirme!

Mango, Mango, Mango

Mit Sicherheit bleibt das morgendliche Frühstück mit Mangos in Erinnerung. 3 Mangos für 70ct waren schon einfach unschlagbar! Ein richtiger Mangotraum. Dafür ließ sich selbst die Regenzeit um einiges besser ertragen. Mittlerweile gibt es gar keine Mangos mehr, woran man auch merkt, auf welchem Stand hier noch der Handel mit anderen Ländern und die landwirtschaftlichen Möglichkeiten sind. Obst ist noch viel deutlicher als Gemüse extrem saisonal unterschiedlich. Zu Beginn gab es Mangos, dann kamen irgendwann die Granatäpfel dazu; nun gibt es keine Mangos mehr, dafür aber Wassermelonen und Avocados. Falls man das noch dazu sagen muss: Das Frühstück ist seitdem nicht mehr das gleiche.

Myanmar

Was auch die Zeit überdauern wird: Für ein halbes Jahr in Myanmar gelebt und gearbeitet zu haben. Nicht in irgendeinem Land, sondern in Myanmar/Burma/Birma/Bama, das in den letzten paar Jahren eine bemerkenswerte Wandlung an den Tag gelegt hat. Das aber trotz aller Fortschritte derartig viele Widersprüchlichkeiten besitzt und gleichzeitig eine rückwertsgeleitete Entwicklung aufzeigt. Ein Friedensprozess, der als solcher kaum zu bezeichnen ist. Der aus einer riesigen Vielzahl kleinster Akteure besteht, die alle Partikularinteressen vertreten. Der ein einzigartiges Kräfteungleichgewicht zwischen der Regierung und dem Militär auf der einen Seite sowie den ethnischen, bewaffneten Gruppen auf der anderen Seite besitzt. Der sich stets auf Tagesbasis ändert.

Hautnah

Myanmar ist auch das Land, das während unseres Aufenthalts so einigem ausgesetzt war. Die Vereinten Nationen haben kürzlich einen Bericht veröffentlicht, der besagt, dass im westlichen Rakhine-Staat „Völkermords-ähnliche Prozesse“ erkennbar sind. Daraufhin war Myanmar nach der Massenvertreibung und der Massentötung von muslimischen Rohingya im vergangenen Jahr wieder für kurze Zeit in den westlichen Medien vertreten. Kurz darauf erklärte der Internationale Strafgerichtshof (ICC), das er gegen das ICC-Nichtmitglied Myanmar nicht ermitteln könne, jedoch über das ICC-Mitglied Bangladesch durchaus zur Rohingya-Krise, die nunmal beide Länder betrifft, Anklage erheben könne. In der Zwischenzeit wurden zwei Reuters-Journalisten ins Gefängnis gesteckt, weil sie angeblich Staatsgeheimnisse offenbart hatten. Kurz davor hatten wohl ebendiese Reporter jedoch ein Treffen mit Polizisten-Informanten gehabt, die ihnen Informationen preisgeben wollten, welche widerum beim Verlassen des Treffpunktes zu ebendieser Verhaftung führten (Kurios!).

Ein paar Wochen später ließ eine myanmarische Zeitung durchsickern, dass die Europäische Union in Erwägung ziehe, bestimmte Sanktionen auf Myanmar zu erheben, obwohl diese stark umstritten sind und es sehr fraglich ist, ob sie wirklich die machthabenden Militärs träfen. Wahnsinn! Das alles innerhalb weniger Wochen, unglaublich! Spannender kann man es wohl gar nicht haben. Ach ja, und dann wäre da noch die Sperrung von rund 20 Facebook-Konten und -Seiten, die ranghohe Militärs umfassten. Darunter auch Min Aung Hlaing, Armeechef und vermutlich größer Verbreiter von Hasspredigten. Insgesamt 13 Millionen Follower brachten diese 20 Konten und Seiten zusammen – kaum durch neutrale Berichterstattung.

Frieden

Puh, Politik. So viel Politik tut selten gut, auch wenn sie in Myanmar zusätzlich zur dahinter liegenden Frustration durchaus interessant ist. Was für mich zudem für lange Zeit bleiben wird ist die Erfahrung, im Friedensbereich gearbeitet zu haben. Beziehungsweise im Friedensprozess in Myanmar tatsächlich zu arbeiten, denn meine Tätigkeit beim Joint Peace Fund läuft auf nach unserer Rückkehr nach Deutschland weiter. Ich verstehe von diesem Friedensprozess quasi so viel wie von Cum Ex und Cum Cum Geschäften. Ich weiß, was er bedeutet, wer mögliche Akteure sind, doch die Prozesse dahinter verstehe ich bei Weitem nicht. Es ist schon faszinierend, wie man sich nach einem halben Jahr Arbeit in diesem Sektor weiterhin derart unwissend fühlen kann. Deshalb ist eine große Lektion, die mir bleiben wird, dass es nicht nur Monate, sondern Jahre braucht, um wirklich einen (annähernden) Durchblick zu erhalten. So nehme ich für meinen Master jetzt schon unglaublich viele kleine Erkenntnisse und Vergleichsmöglichkeiten mit, die ich hoffentlich mit theoretischen und analytischen Inhalten besser verstehen werde.

Ziel erreicht?

Letztlich erreiche ich auch genau dadurch mein Ziel. Durch sechs Monate Friedensarbeit aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven (Search führt aus; Joint Peace Fund fördert und berichtet darüber) habe ich das erreicht, was ich mir selbst für die Zeit in Myanmar vorgenommen hatte. Mir ging es nicht darum, die Politik des Landes vollständig zu durchblicken – was sich auch in meiner Ahnungslosigkeit äußert. Viel eher ging es mir darum, ein tatsächliches Beispiel zu erhalten, an dem ich Struktur, Handwerk und Akteure eines Friedensprozess besser verstehen würde. Und genau das ist mir gelungen. Nach drei Monatem beim Joint Peace Fund bin ich so weit, dass ich auch eigenständig über die Anweisungen meiner Kollegen hinausdenken kann. Ich habe eine große Vorsicht gelernt, die ich zuvor nie kannte. Ich habe um Facebook-Posts gekämpft, habe viele Antworten wie „Nein, das ist zu kritisch“ oder „Nein, das ist nicht kulturadäquat“ oder „Nein, das könnte von ultra-nationalistisch eingestellten Nutzern missbraucht werden“ erhalten. Es ist ein schmaler Grat, in der Friedens-Öffentlichkeitsarbeit zu navigieren. Doch ich kann nicht leugnen, dass es mit jeder Herausforderung spannender und faszinierender wird.

Von Mangos über aktuellste Politik hin zu Frieden live war in Myanmar alles dabei. Dies und noch viel mehr. Voll bepackt mit vielen Erkenntnissen geht es nun heim, wo noch viel, viel mehr Neues und Aufregendes auf uns wartet…

PageLines