Wie Kathmandu, nur anders

Ich weiß nicht, ob es gut ist, Städte immer zu vergleichen. Jede Stadt ist ja doch einzigartig und vor allem mit ihrer eigenen Geschichte beladen. Auf der anderen Seite gibt es ja doch Parallelen. Vor der Reise habe ich über Yangon das ganze Spektrum gehört: „Yangon ist ein Moloch, viel Spaß“ bis hin zum alten Spitznamen als „Gartenstadt Asiens.“ Nach zwei Tagen ist der erste Eindruck unglaublich positiv. Yangon ist unglaublich grün und weitläufig, die Luft ist – für eine Millionenstadt – sehr gut und im Verkehr hat man nicht das Gefühl, sich jedes Mal todesmutig in ein Gefecht mit den Autofahrern zu werfen.

Grünes Yangon

Und hier kommen die Parallelen dann ja doch ins Spiel, man kann sich ihnen einfach nicht entziehen. Smog, Kamikazefahrer, mitten auf der Straße laufen, weil es keine Bürgersteige gibt, regelmäßiges Magenverderben – in den drei Monaten Kathmandu habe ich viel länger gebraucht, um mich zurechtzufinden und mit der Stadt überhaupt irgendwie klarzukommen. Abgesehen davon, dass Yangon sich deutlich mehr ausbreitet als das zwischen den Bergen eingeschlossene Kathmandu, fühlt sich Yangon an wie ein etwas – nein, deutlich – weiterentwickeltes Kathmandu. Ja, der der Verkehr ist etaws chaotisch, aber die Fahrer beiben größtenteils in ihren Spuren. Ja, viele Häuser sind heruntergekommen, aber fallen doch nicht zusammen, wenn man sie einmal angestrengt anschaut. Ja, es wird mehr gehupt als in Deutschland, aber man wird nicht mit 30 schwerhörig, wenn man hier länger lebt. Ja, mit der Hygiene nimmt man es hier nicht so genau, aber Lebensmittelvergiftungen sind wohl kein großes Thema. Somit ist Yangon vielleicht in etwa so wie Kathmandu hoffentlich in 20 Jahren sein wird. Mit einer Ausnahme: Die Menschen. Abgesehen davon, dass Taxifahrer, Obsthändler und überhaupt alle, die keinen Preis auf ihre Waren kleben, versuchen werden, die Europäer über den Tisch zu ziehen, sind die Menschen extrem freundlich. Dafür braucht sich Kathmandu nicht erst entwickeln, das ist auch jetzt schon so.

Insofern lebt man in Yangon eigentlich ein fast ganz normales Leben. Viel gesehen haben wir in den ersten zwei Tagen noch nicht, da der Weg zur Arbeit und zurück doch einiges an Zeit in Anspruch nimmt und wir vom Jetlag doch noch ein bisscher früher müde waren als sonst. Aber allein jeden Morgen an einer Pagode vorbeizufahren, die mit rund 60 Tonnen (!) Gold beschmückt ist, macht schon Lust auf mehr.

Deutsche Standards und warum man sie vergessen sollte

Die Arbeit fängt zwar erstmal etwas ernüchternd an, da in einer myanmarischen Organisation einfach alles etwas unprofessioneller abläuft als in vielen westlichen. Es fing damit an, dass mir trotz einer Nachfrage nicht mitgeteilt wurde, wann es eigentlich losgeht. Und als dann auch noch jemand aus einer anderen Organisation felsenfest davon überzeugt war, dass meine Organisation – Smile – umgezogen war und meine Adresse nicht mehr stimmte, war die Verwirrung komplett. So wartete ich morgens erstmal lange, um jemanden zu erreichen. Aber der Umzug stellte sich dann schließlich zwar als großes Missverständnis heraus und ich kam erst gegen 11 Uhr zu Arbeit. Doch da ich eh noch keine Arbeitszeiten hatte, war das irgendwie auch egal. Malins Search for Common Ground ist da deutlich besser organisiert und hatte alles schon im Voraus geklärt. Auch, dass sie einen Laptop brauchte, wurde ihr vorher mitgeteilt. Mir hat man so etwas nicht gesagt. Davon aber etwas aufgeschreckt, packte ich auch mal vorsichtshalber meinen Laptop ein, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Und erste Frage im Büro: „Hast du deinen Laptop dabei?“

Deutsche Genauigkeit und Bürokratie rauben einem zwar oft genug den letzten Nerv, aber wie das immer so ist: Man lernt vieles erst zu schätzen, wenn man es nicht mehr hat. Auf der anderen Seite: Wenn hier etwas schief geht, ist das auch nie ein großes Problem. Überhaupt läuft hier alles ganz locker. Zwischen 9 und 10 Uhr plätschern alle zur Tür herein, im großen Büro wird viel gelacht und viel geredet. Im Moment ist auch alles noch in einer Übergangsphase. Die Programmdirektorin – die rechte Hand des Chefs – hat mit mir am Montag angefangen und muss sich auch erstmal ein arbeiten, bevor sie Aufgaben verteilen kann. Dadurch hänge ich etwas in der Luft und versuche, mich in die verschiedenen Programme einzulesen. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt.

Buddhisten, Rohingyas und Facebook

Denn bei allem organisatorischen Chaos, das hier durchaus herrscht: Smile leistet wertvolle Arbeit im Bildungs- und Friedenssektor und ist bei vielen Leuten, die wir hier so getroffen haben, hoch geschätzt. Während es in Deutschland viel Wirbel um das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (Gesetzesnamen nehme ich mal von meinem Lob der Bürokratie aus) gegeben hat, ist Smile eine der führenden Organisationen, die Hasskommentare, und generell Hassverbrechen, in Myanmar bekämpfen und die Bevölkerung dafür sensibilisieren will. Außerdem arbeitet Smile darauf hin, mehr Verständigung zwischen den Religionen zu erreichen. Was in Deutschland AfD, Pegida und Co. forcieren, ist in Yangon längst institutionalisiert. Viele der muslimischen Rohingya bekommen keine burmesische Staatsbürgerschaft, sie können viele Wohnungen nicht mieten und müssen in vielen Dingen des Alltags mehr bezahlen. All das wird durch soziale Netzwerke wie Facebook noch verstärkt, in der Vorurteile die Runde machen und nicht selten in offene Gewalt gemündet haben.

Ein Blick aus dem 7. Stock, in dem Smiles Büro angesiedelt ist, scheint Frieden zu zeigen. In Sichtweite ragen ein buddhistischer Tempel, eine christliche Kirche und eine muslimische Moschee in die Höhe. An der Oberfläche ist Yangon also durchaus ein offener Schmelztiegel der Kulturen. Aber unter der Oberfläche brodelt es in diesem Tiegel bedrohlich.

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